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 Betreff des Beitrags: Gioco della palla (Jeu de paume)
BeitragVerfasst: Di 29. Dez 2009, 01:57 
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Gioco della palla


Frei übersetzt aus dem Italienischen bedeutet es Ballspiel, aus dem Französischen „Spiel mit der Handfläche“. Das Ballspiel war in ganz Europa verbreitet, und führt sich bis ins 11. Jahrhundert zurück; es ist der Vorläufer des heutigen Tennis und Squash. Auch dem Volleyball wird nachgesagt, ein Nachkomme des Ballspiels zu sein.

Das Spiel lebt im englischen Raum als „Real Tennis“ (im Gegensatz zum populären „Court Tennis“) fort.


Geschichte und Einfluss


Schon im Mittelalter war das Spiel in ganz Europa verbreitet, insbesondere in Frankreich. Vermutlich entwickelte es sich in den Klosterkreuzgängen. Daraus erklären sich wohl die spätere rechteckige Spielfläche und der Umstand, dass sich jeweils auf einer Seite die Sitzränge für das Publikum, auf der anderen eine anspielbare Wand besteht. Die ganze Geschichte des Jeu de Paume ist von der Geistlichkeit geprägt, welche diesen Sport pflegt, Schüler unterrichtet und Regeln verfasst.

In der Renaissance geschahen die wichtigsten Änderungen. Das Spielfeld wurde genau definiert, Regeln gesetzt, die Ballschläger wurden eingeführt – vorher hatte man die Bälle mit der Handfläche oder mit Handschuhe geschlagen (daher der Name im Französischen). Das wichtigste Regelwerk der damaligen Zeit war das 1555 in Venedig erschienene Trattato del Giuoco della Palla. Verfasser war der Theologiedoktor Antonio Scaino aus Salò. Da man zudem das Spiel auf eine alte römische Sportart zurückführte und annahm, dass es bereits in römischen Villen Ballhäuser gegeben hatte, empfand man die Förderung des Ballspiels umso erstrebenswerter.

Im reichen Italien kam nun zudem der Typus des Ballhauses (Sala della balla) auf. Die Sforza, Medici und andere große Familien errichteten die ersten Gebäude, die allein dem Spiel vorbehalten waren, Universitäten, Reichsstädte, Handelsherren und die Königsfamilien Europas zogen mit eigenen Ballhäusern nach. Im 16. Jahrhundert war das Ballspiel zum beliebtesten Sport der Oberschicht geworden, Herrscher wie Franz I. von Frankreich oder Heinrich VIII. von England waren begeisterte Anhänger des Spiels. Wilhelm V. von Bayern wurde als Jugendlicher nachgesagt „ballspielsüchtig“ zu sein, und konnte seinen Vater Albrecht nur beruhigen, indem er ihm versprach, nur noch viermal die Woche zu spielen. Karl VIII. von Frankreich – in der Renaissance gehasst wie kein zweiter, da er die Italienkriege begann – sollte sogar den Tod beim Ballspiel finden, da er dabei mit einem Steintürsturz kollidierte, sich an der Stirn verletzte, und infolge einer Hirnblutung verstarb.

Bald wurden öffentliche Ballhäuser zum guten Ton einer jeden Stadt. Das Bürgertum pflegte hier (zur Miete) das Spiel und schloss sich zu ersten Clubs zusammen. Langjährige Spieler verdingten sich als Lehrer, Turniere wurden veranstaltet, bei denen es auch preise zu gewinnen gab, wie silberne Bälle oder edle Handschuhe, zudem Preisgelder. Auch Frauen pflegten den Sport, und konnten wie die männlichen Kollegen zu professionellen Spielern werden, die von Turniergeldern lebten (tatsächlich ist der profispieler, von dem heute am meisten bekannt ist, eine Frau: Margot von Mons, aus dem Hennegau).
Der Inhaber eines Ballspielhauses – der Ballmeister – war oft Schankwirt, Schiedsrichter, Trainer, Zeug- und Platzwart. Zudem nahm er Wetten an, welche bei Turnieren besonders beliebt waren, ihm zusätzlich die Taschen füllten – und so manchen Spieler in den Ruin trieben.

Auch die einfache Bevölkerung ging dem Ballspiel nach, konnte sich jedoch aus nachvollziehbaren Gründen kein eigenes Ballspielhaus finanzieren – stattdessen spielte man in den Straßen, und benutzte die Hauswände und –dächer, um dem Sport zu frönen. Dabei verwendete man modifizierte Siebe als Schläger.

Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts blieb das Ballspiel populär besonders in Frankreich; ein venezianischer Botschafter gab um 1600 – wohl mit Übertreibung – bekannt, dass es allein in Paris 1800 Ballspielplätze gäbe. Sprüche machten die Runde, dass auf jede Kirche zwei Ballspielplätze kämen, und auch in der Literatur fanden sich Anspielungen auf das Ballspiel:

Der Mensch ist ein Ballspielplatz: sein Fleisch, die Wand;
Die Spieler Gott und Satan: das Herz der Ball. (Francis Quarles, 1632)


Das Punktesystem des Ballspiels, welches dem heutigen Tennis ähnelt, wurde in einem anderen Gedicht sexuell-metaphorisch verarbeitet:

Wenn du sie küsst, zähle fünfzehn,
Wenn du ihre Brüste berührst dreißig,
Erklimmst du den Berg,
kommt die fünfundvierzig hoch.
Wenn du aber die Bresche durchstößt
Mit dem, was die Frau braucht
Erinnere dich an das, was ich dir sage:
Du wirst das Spiel gänzlich gewinnen! (Theophile de Viau, 1620er)


Auch Shakespeare verwendet ein Ballspielgleichnis in seinem Stück Heinrich V. (1599)

König Heinrich:
Der Schatz, mein Oheim?

Exeter:
Federbälle, Herr.

König Heinrich:
Wir freun uns, daß der Dauphin mit uns scherzt;
Habt Dank für eure Müh und sein Geschenk.
Wenn wir zu diesen Bällen die Rakette
Erst ausgesucht, so wollen wir in Frankreich
Mit Gottes Gnad in einer Spielpartie
Des Vaters Kron ihm in die Schanze schlagen;
Sagt ihm, er ließ sich ein mit solchem Streiter,
Daß alle Höfe Frankreichs ängsten wird
Der Bälle Sprung. Und - wir verstehn ihn wohl,
Wie er uns vorhält unsre wildern Tage
Und nicht ermißt, wozu wir sie benutzt.


Die großen Dynastien versuchten einander mit immer größeren und prächtigeren Ballhäusern zu übertrumpfen (besonders berühmt war das Ballhaus von Louis XIV. Versailles, in welchem die Revolutionäre ein Jahrhundert später den „Ballhausschwur“ leisteten), doch dann geriet das Spiel außer Mode. Die Ballhäuser wurden ab diesem Punkt insbesondere zu Theatern und Tanzsälen umgebaut, da ihre Fläche und Größe sie dazu prädestinierte (daher geht man bis heute „auf einen Ball“). Mit dem Zeitalter der Revolutionen und der immer unwichtigeren Rolle des Adels starb es dann bis ins 19. Jahrhundert sogar fast aus.

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"Eine Republik zählt mehr große Männer als eine Monarchie; in jener wird die Tapferkeit fast immer geehrt, in dieser fürchtet man sie sehr."

Niccolò Machiavelli


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BeitragVerfasst: Di 29. Dez 2009, 01:58 
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Das Spiel



Die Ausrüstung des Spielers

Jeder Spieler hat einen Schläger, der dem normalen Tennisschläger sehr ähnlich sieht, nur der Griff ist etwas kürzer, der Rahmen mit Darmsaiten bespannt. Auch die Bälle ähneln den heutigen Tennisbällen, sind jedoch weiß, meist mit Haaren gestopft und von Leder umgeben. Für die Ball- und Schlägerherstellung gab es in der Hochzeit des Ballspiels (1500-1650) eigene Meister und sogar Zünfte. Die Ballhandwerker stellten dabei je nach Wunsch fester oder weicher gestopfte Bälle her, auf Wunsch auch mit Filz.


Das Spielfeld

Ballspielplätze haben keine einheitliche Größe, jedes Feld ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Sie sind jedoch immer rechteckig, wobei die Länge nach heutigen Maßstäben grob 30, die Breite 10 Meter beträgt. Das Ballspiel wird prinzipiell immer in einer Halle gespielt, von der eine Längsseite immer flach ist. Die anderen drei Wände ähneln Galerien, unter denen Zuschauer Platz nehmen können, und durch Dächer darüber, sowie herabhängende Netze geschützt sind. Für den Aufschlag gibt es ausgewiesene Positionen. Der Boden besteht aus sprungfreudigem Belag, während die Wände eher dunkel sind – kontrastierend dazu tragen die Spieler dann weiße Kleidung (daher der Name „weißer Sport“ für Tennis bis heute).
In der Mitte hängt ein Netz, welches die jeweiligen Spielfelder trennt.


Ablauf des Spiels

Das Spiel ist eindeutig komplexer und technisch anspruchsvoller als das übliche Tennis. So werden die Wände ausdrücklich mit in das Spiel einbezogen. Es ist sogar Regel, dass beim Aufschlag der Ball zuerst auf einem der Galeriedächer aufkommen muss, bevor dieser auf das Gegnerfeld auftreffen darf. Aufgrund der reichhaltigen Möglichkeiten gab es auch Figuren, welche man spielte, und sich am Ablauf eines solchen Aufschlages orientierten (sie trugen Namen wie „Giraffe“, „Pik“ oder „Furz“). Im Gegensatz zum heutigen Tennis kann auch eine Person den Ball nach einem zweifachen Aufkommen auf dem Boden zurückspielen – aufgrund der Konsistenz des Balls ist dies aber sehr schwierig.
Gelingt es einer Person nicht, den Ball zum Gegner zurückzuspielen, bekommt letzterer 15 Punkte.


Punkte und Sieg

Die Zählung für einen gewonnenen Abtausch setzt sich folgendermaßen zusammen:

15
30
45
60 (Spiel)

Wer vier Punkte macht (bzw. 60) gewinnt ein Spiel. Die seltsame Zählweise rührt aus dem Umstand her, dass beim Tennis gewettet wurde, und zwar in Fünfzehnerschritten. Pro ausgespieltem Ball wurden von den Zuschauern je 15 Silberstücke gesetzt, welche je nach Ergebnis dazukamen, oder eben verloren gingen.

Gelingt es einem Spieler, zwei Spiele zu gewinnen, so entscheidet er einen Satz für sich. Eine Partie Gioco di Pallo besteht aus drei Sätzen.

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