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 Betreff des Beitrags: Rinascimento
BeitragVerfasst: Sa 19. Dez 2009, 01:04 
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Herr der Hermeline
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Rinascimento – die Wiedergeburt der Antike



Giorgio Vasari, der bedeutendste Kunsthistoriker seiner Zeit und Biograph solch großer Künstler wie Leonardo da Vinci und Michelangelo, teilte um 1550 die Geschichte in drei Epochen ein: die alte Welt der Römer und Griechen mit ihrer Hochkultur, danach eine barbarische, „gotische“ (it. gotico) vom Zerfall gezeichnete Welt, und letztendlich eine „Wiedergeburt“ (it. rinascimento) alter Werte und alter Meisterleistungen. Die Begriffe der Gotik und des Rinascimento sind de facto seine Erfindungen.

Rinascimento (frz. Renaissance) ist dabei keine bloße Kunstrichtung, deren berühmteste Vertreter schon angerissen wurden. Die Bedeutung des Wortes geht weit über die Felder von Malerei, Bildhauerei, Architektur und Musik hinaus, die gesamte italienische (und ab dem 16. Jahrhundert auch europäische) Gesellschaft war vom neuen Denken betroffen, denn dieses bezog auch Philosophie, Politik, Literatur, Geschichtsschreibung, Wissenschaft und Bildung ein. Der neue Geist sollte zudem die Grundlage für die großen Entdeckungen und Eroberungen im Westen wie im Osten sein.

Grundlage des neuen Denkens war die Orientierung an der Antike, an ihren Idealen, an deren Philosophie, Kunst und Menschenbild. War das Mittelalter gottzentriert, so sollte das Rinascimento den Menschen mehr als zuvor in den Mittelpunkt rücken. Das Diesseits wurde wichtiger als das Jenseits. Der „Renaissancegeist“ beflügelte nicht nur die Künstler – der Drang, die Grenzen als solche zu überwinden, unbekannte Gebiete zu beschreiten und nach neuer Erkenntnis zu suchen war typisch für diese Zeit. Die Betonung des Individuums und das Erscheinen von Universalgenies machen das Rinascimento aus:

„Wenn nun dieser Antrieb zur höchsten Ausbildung der Persönlichkeit zusammentraf mit einer wirklich mächtigen und dabei vielseitigen Natur, welche sich zugleich aller Elemente der damaligen Bildung bemeisterte, dann entstand der „allseitige Mensch”, l'uomo universale, welcher ausschließlich Italien angehört.“ (Jacob Burckhardt)

Es gibt mehrere Eckdaten für Beginn und Ende des Rinascimento und dem damit verbundenen Geist. Unbestreitbar ist, dass der langsame Zerfall des Byzantinischen Reiches und die Übersiedlung griechischer Gelehrter nach Italien bedeutend waren für die Versorgung mit längst verloren geglaubtem Wissen. Dazu gesellte sich der ungeheure Reichtum der Halbinsel: Italien war die wohlhabendste Region nicht nur Europas, sondern des ganzen Mittelmeerraumes. Der Austausch mit dem Nahen Osten hatte schon zuvor, in der Zeit der Kreuzzüge, seine Wirkungen hinterlassen.

Das Ende des 14. Jahrhundert gilt als Anfang der Renaissance in Italien, mit den drei großen Literaten Dante Alighieri, Boccaccio und Petrarca. Letzterer sollte das begründen, was später als „Humanismus“, die wichtigste geistige Strömung des Rinascimento, ausmachen sollte: das Wissen, einer neuen Zeit anzugehören, und eine Rückkehr zu den Quellen (ad fontes), zum idealisierten Altertum. Das hieß vor allem, dass reines, unverfälschtes Latein perfekt beherrscht werden musste, um eben diese Quellen zu verstehen – der römische Redner Cicero und sein Stil galten als Vorbild. Anstatt des mittelalterlichen „schlechten“ Lateins sprachen die Humanisten untereinander wieder in der klassischen Sprache und schrieben in dieser auch ihre Texte nieder. Die mittelalterliche Scholastik, von welcher die Universitäten und Lateinschulen geprägt waren, wurden verachtet und herabgewürdigt.

Das Suchen, Entdecken und Interpretieren antiker Texte statt deren Kopierung und Kommentierung, die Hinwendung zur alten Tugendlehre statt zur Logik und Metaphysik, die Sprachkunst als höchstes aller Güter und die Überhöhung des alten römischen Staates galten als die Markenzeichen eines Humanisten. Aufgrund des Reichtums der hohen Bürger konnte auch die Oberschicht sich humanistisch bilden. Mäzene – ob reiche Kaufleute, Adlige oder Herrscher – unterhielten Philosophen und vom Humanismus beeinflusste Künstler. Die Medici, welche Florenz im 15. Jahrhundert beherrschten, waren die berühmtesten Mäzene der Renaissance.

Seinen Zenit erreichte das Rinascimento um 1500. Michelangelo, Leonardo da Vinci, Tizian, Niccolo Machiavelli, Giovanni Pico della Mirandolo, Erasmus von Rotterdam, Ariosto, Aretino und Bramante, dazu eine Unzahl von Fürsten, welche in Renaissancemanier regierten (wie die Medici und Borgia) sind nur ein paar Beispiele für Persönlichkeiten dieser Zeit. Nicht umsonst spricht man hier von der sog. Hochrenaissance. Es war die Zeit der großen Gemälde, der kolossalen Prachtbauten, von blutigen Kriegen, neuer Erfindungen, der Entdeckung Amerikas, einflussreicher literarischer, philosophischer und theologischer Werke. Kurz: eine Zeit des Aufbruchs, des Überschwangs, der Extreme. Keine Epoche mag besser darstellen, was Rinascimento bedeutete.

Als Ende des klassischen Rinascimento kann man die Mitte des 16. Jahrhunderts annehmen. Einschneidende Ereignisse wie die Reformation (1517) die Plünderung Roms (Sacco di Roma, 1527), oder der Tod Karls V. (1558) gelten als Grenzsteine. Insbesondere die Reformation und Gegenreformation förderten den Fundamentalismus, Fanatismus und Engstirnigkeit, welche die „freien“ Ideen des Rinascimento konterkarierten, teilweise völlig abwürgten. Gerade den Protestanten war die Verweltlichung und Pracht ein Dorn im Auge, was später auch die katholische Kirche zu einer Rückbesinnung im Konzil von Trient (1545-1563) führte. Der Barock und dessen Vanitas-Gedanke, die Betonung des Vergehenden, können allegorisch für das Gegenteil der lebensbejahenden, grenzendurchbrechenden Renaissance gelten. Allerdings hielt sich insbesondere in Italien an einigen Orten immer noch die alte Stärke und Pracht, und nicht wenige zählen auch noch eine Gestalt wie Galileo Galilei (1564-1642) zu den Renaissancemenschen.

Ein entscheidender Faktor war allerdings auch die Zentralisierung von Macht und die Entstehung des modernen Staates gewesen. Die Zeit um 1500 hatte aufgrund der neuen Ideen und Entdeckungen auch für viele Unruhen, Rebellionen und Kriegen geführt, dazu die aufkommenden Glaubensgegensätze. Die Fürsten Europas waren an Stabilität interessiert, und verboten teilweise den Umgang mit diesen Werken, mochte es über eine staatliche Inquisition oder eine kirchliche sein, welche Schriften und Werke als heidnisch bezeichnete. Diese Art von Kontrolle wäre 100 Jahre früher gar nicht möglich gewesen. Liberale Staaten waren selten, die großen Ausnahmen bildeten die Eidgenossenschaft und die Vereinigten Provinzen.

In Italien, der einstigen Wiege des Rinascimento, stagnierte der geistige Austausch (wenn auch nicht die Kunst). In den vielen Kriegen waren fast alle Territorien mehr oder minder von einer Großmacht beeinflusst oder direkt besetzt. Große Teile waren verwüstet, verheert und in ihrer Entwicklung zurückgeworfen worden. Im Kirchenstaat, der einst ein Hort von freier Forschung gewesen war, standen Repressionen an der Tagesordnung. Einzig die Republik Venedig, die letzte Großmacht auf der Halbinsel, die zudem neutral war und weder von Frankreich, Habsburg oder dem Papst dominiert, behielt sich ihren freien Charakter bis ins 18. Jahrhundert.

Es sollte bis zur Zeit der Aufklärung, der französischen Revolution und der deutschen Klassik dauern, bis eine ähnliche kulturelle Blüte – von denselben Ideen wie denen des Rinascimento entfacht – in Europa Fuß fassen sollte.

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"Eine Republik zählt mehr große Männer als eine Monarchie; in jener wird die Tapferkeit fast immer geehrt, in dieser fürchtet man sie sehr."

Niccolò Machiavelli


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 Betreff des Beitrags: Beginn und Frührenaissance
BeitragVerfasst: Mo 28. Dez 2009, 01:49 
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Beginn und Frührenaissance



Es ist bezeichnend für die Völker, wie sie die Zäsuren in der Geschichte setzen, oft unter dem Eindruck des jeweils herrschenden Zeitgeistes. Im späten 19. und anfangenden 20. Jahrhundert war es in der deutschen Geschichtsschreibung en vogue, die Erfindung des Buchdrucks als Beginn der Frühen Neuzeit, die Erfindung der Dampfmaschine als Anfang der Moderne zu sehen. Man mag daher auch viele Zäsuren zwischen Mittelalter und Neuzeit anführen, wie den Fall Konstantinopels (1453), die Entdeckung Amerikas (1492), den Beginn des Habsburgisch-Französischen Gegensatzes (1494), oder Luthers Thesenanschlag (1517).

Vergesst diesen ganzen Müll. Würde ein damaliger italienischer Renaissancemensch hören, was an vielen heutigen (deutschen) Bildungsinstituten gelehrt wird (nämlich, die Neuzeit begänne „um 1500“) hätte er euch entweder ausgelacht, oder für verrückt gehalten – vielleicht auch beides. Für einen Gebildeten der damaligen Zeit wären alle diese Daten viel zu spät gewesen: stattdessen endete für viele bereits mit Luthers Thesenanschlag die Renaissance, und das Zeitalter der Glaubenskämpfe, neuerlichen Fundamentalismus und eingeschränkter Freiheit nahm seinen Anfang.

Für den Renaissancemenschen oder Humanisten begann die Neue Zeit nicht mit Erfindungen, nicht mit Politik und schon gar nicht mit Luther. Sie fand im Geiste statt. Aus dem Kopf eines Menschen, aus seinen Gedanken heraus. Und das mehr als einhundert Jahre vor der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern von Johannes Gutenberg.

Am 26. April 1336 verfasste Francesco Petrarca, der Vater des neuzeitlichen Humanismus, an einen gelehrten Freund einen Brief. In diesem schilderte er seine Besteigung des Mont Ventoux in der Provence. Oben angekommen, genoss er in 2000 Metern Höhe den Anblick der Landschaft, welchen ihn derart faszinierte, dass er für sein Leben davon gezeichnet und geprägt war. Er notierte dazu ein Zitat aus Augustinus Confessiones:

Und es gehen die Menschen hin, zu bestaunen die Höhen der Berge, die ungeheuren Fluten des Meeres, die breit dahinfließenden Ströme, die Weite des Ozeans und die Bahnen der Gestirne und vergessen darüber sich selbst.

Petrarca hatte den Berg nicht erklommen, weil er den Berg besteigen musste. Er hatte den Berg bestiegen, weil er dies wollte. Für den mittelalterlichen Menschen war das Diesseits nur ein Vorspann zum wahren, vollendeten Himmelreich, alles auf Erden meistens Leid, die raue Welt feindlich. Petrarca aber fühlte sich auf der Höhe des Berges wie befreit, sah die Schönheit und den Glanz der Welt, sah sie nicht als feindlich, sondern als freundlich und einladend vor, genoss die Pracht in all ihrer Gänze, und sah Geist und Schönheit vereint.
Die Welt war nicht nur Verfall: sie hatte ihre eigene Wertigkeit.

Aus diesen Erfahrungen schöpfte der Geist der Neuen Zeit. Petrarcas Motivation, den Berg zu besteigen, weil er da war (auch ein von Reinhold Messner oft zitierter Satz), deutet auf den Renaissancemenschen als solchen hin: das Durchbrechen der Ganzen, das Hinausgehen in die Welt, machen, was noch niemand tat, übertreffen, was einmal war, und trotzdem ein Ganzheitsgedanke eines geschlossenen, vollkommenen Universums, in dem der Mensch aufgeht.

Viele moderne Gelehrte bezweifeln, dass der Aufstieg Petrarcas je stattfand. Selbst wenn dieser nur Fiktion ist: der Brief ist es nicht, und damit die dort geäußerten Gedanken, das Gefühl der Selbstfindung und der Antrieb etwas zu tun, was nicht reiner Nützlichkeit untergeordnet ist, sondern der Befriedigung der eigenen Seele.

Dieses Schlüsselereignis der Renaissance ist viel wesentlicher als irgendwelche Erfindungen, Kriege oder Thesenanschläge. Erst ab dem Punkt, als sich in Italien eine neue Geisteswelt Bahn brach, waren Erfindungen, Entdeckungen, Kunst, Kultur, Philosophie, Glanz, Pracht und all das möglich, was die Renaissance kennzeichnen sollte. Sie sind Ausdruck all dessen. Dabei war für den Renaissancemenschen selbstverständlich, dass die „Neuen Ideen“ und das „Neue Denken“ nur eine Wiederbelebung der antiken Ideale war. Nach eigenem Verständnis brachten sie nur das hervor, was vor 1000 Jahren untergegangen war – weshalb sie ihre eigene Zeit nicht in erster Linie als Neue Zeit verstanden, sondern als Wiederbelebung und Wiedergeburt der alten. Das Rinascimento setzt das fort, was einst unterbrochen wurde.

Ein weiterer, wegweisender Frühhumanist war Giovanni Boccaccio, ein Verehrer Dante Alighieris und Freund Petrarcas. Sie verband die Liebe zu klassischen antiken Texten, gehörte zu den wenigen Männern, die außerdem Altgriechisch beherrschten und übersetzte die Homerischen Epen der Ilias und Odyssee ins Lateinische, um sie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Seine Vorbilder waren Homer, Vergil und Dante gleichermaßen.

So ist auch sein Hauptwerk, das Decameron, eine Anspielung auf Dantes Göttliche Komödie. Im Gegensatz zum großen dantischen Werk, das mit Gesängen, Versen und einer Größe einhergeht, die nur mit Vergils Äneis zu vergleichen ist, stehen bei Boccaccio andere Dinge im Vordergrund. Er belichtet nicht das Göttliche, das Hohe, das Ehrwürdige – sondern das Menschliche, das Einfache, das Kleine. Boccaccios Decameron besteht aus einer Sammlung von Novellen, die bunt und anschaulich wie das Leben selbst sind. Tugend und Laster zeigen sich hier in der normalen Gesellschaft des Spätmittelalters, lüsterne Mönche, kluge Kaufleute, treue Frauen, schändliche Fürsten, listige Prediger, und abenteuerliche junge Männer wechseln einander ab. Das Leben in all seinen Facetten kommt zur Sprache, drastische Szenen von untreuen und triebhaften Pärchen wechseln mit weisen Geschichten ab, in denen der Streit zwischen Religionen beigelegt werden (die Lessingsche Ringparabel ist bereits im Decamerone zu finden). Das Decameron ist die Entsprechung zu Dantes Hauptwerk: hier handelt es sich um die Menschliche Komödie.

Boccaccio war zudem für sein Plädoyer bekannt, dass die Dichtkunst und Literatur einen höheren Wert hätte als die Wissenschaft. Weisheit, Tugend und Charakterbildung galten als wichtiger und sollten ein fruchtbares Fundament für jedwede Erkenntnis darstellen.

Petrarca und Boccaccio können damit als Wegbereiter der Renaissanceströmung gelten, denn ihre Gedanken und Schriften hatten nicht nur auf andere Literaten und Philosophen Auswirkung, sondern auf jedweden Künstler, auf Universitätsgelehrte, kunstsinnige Kaufleute, Fürsten, sogar den Papst in Rom. Was dieses Denken für Wellen schlug, soll an folgenden Beispielen verdeutlicht werden:

    - Donatello und Brunelleschi reisten nach Rom, um dort die antike Kunst und Architektur zu studieren. Donatello sollte der beste Bildhauer seiner Zeit werden und war wegweisend für die nachfolgenden Generationen. Seine Bronzearbeit des David kann als wegweisendes Kunstwerk der Renaissance angesehen werden. Brunelleschi indes war später für den Kuppelbau des Florentiner Doms verantwortlich, dem größten damaligen Bauprojekt Italiens.
    - Der Humanist Lorenzo Valla konnte 1440 anhand seiner hervorragenden lateinischen Sprachkenntnisse nachweisen, dass die angebliche Konstantinische Schenkung aus dem 4. Jahrhundert, welche dem Papsttum die Vorherrschaft über die Christenheit zusicherte, eine Fälschung war. Dies war einerseits ein Beleg für die Wichtigkeit guter lateinischer Sprachkenntnisse, andererseits für den Scharfsinn der Humanisten und eine Auszeichnung für die Kritik des Neuen Denkens.
    - Papst Nikolaus V., der kurz danach amtierte, wurde als großer Kunstmäzen und Förderer der Renaissancekultur bekannt, erneuerte einen römischen Aquädukt für die Wasserversorgung und legte eine Bibliothek an. Der Humanismus wurde unter ihm mehr denn je gefördert.
    - Platonismus und Aristotelismus traten als vorherrschende Geistesrichtungen in Italien auf und bezogen sich auf die beiden antiken Philosophen.
    - Sandro Botticelli schuf mit der „Geburt der Venus“ das Renaissancegemälde schlechthin, und lehnte sich damit an die Schriftsteller der damaligen Zeit an

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Niccolò Machiavelli


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 Betreff des Beitrags: Blütezeit und Hochreinassance
BeitragVerfasst: Di 29. Dez 2009, 01:03 
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Blütezeit und Hochreinassance


Zitat:
Die italienische Renaissance bar — in sich alle die positiven Gewalten, welchen man die moderne Kultur verdankt — also Befreiung des Gedankens, Missachtung der Autoritäten, Sieg der Bildung über den Dünkel der Abkunft, — Begeisterung für die Wissenschaft und die wissenschaftliche Vergangenheit der Menschen, Entfesselung des Individuums, eine Glut der Wahrhaftigkeit und Abneigung gegen Schein und blosen Effekt (welche Glut in einer ganzen Fülle künstlerischer Charaktere hervorloderte, die Vollkommenheit in ihren Werken und Nichts als Vollkommenheit mit höchster sittlicher Reinheit von sich forderten); ja, die Renaissance hatte positive Kräfte, welche in unserer bisherigen modernen Kultur noch nicht wieder so mächtig geworden sind. Es war das goldene Zeitalter dieses Jahrtausends, trotz aller Flecken und Laster.


Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches (237)


Die Zeit zwischen dem Beginn der Herrschaft Lorenzo de Medicis (1469) und der Plünderung Roms durch deutsche Landsknechte und spanische Söldner (1527), welches als „Sacco di Roma“ in die Geschichte einging, sind mehr oder weniger die Grenzmarken für eine Epoche, die bis heute ihresgleichen sucht. Diese Blütezeit der Renaissance brachte Männer, Ideen und Kunstwerke in gerade einmal zwei Generationen hervor, wie sie Menschheit nie wieder sehen sollte. Alle vorzustellen, ob Mensch oder Werk, würde den Rahmen hier bei Weitem sprengen. Es kann allein ein Überblick erfolgen.

Seinen ersten Glanzpunkt erreichte das Rinascimento im Florenz der Medici. Schon Cosimo und Piero hatten als Mäzene Kunst und Kultur gefördert, doch sein Lorenzo sollte diese Leistungen noch in den Schatten stellen. Lorenzo selbst dichtete und verfasste literarische Texte, war hoch gebildet und kunstsinnig. Die Entdeckung solcher Talente wie das Michelangelos gehen auf ihn zurück – welche er mit entsprechenden Geldern förderte. In Florenz gab es zudem eine große Gruppe von Humanisten, welche sich selbst als Platonische Akademie betrachteten. Alle Amtsträger von Florenz waren zudem humanistisch gebildet oder selbst Humanisten.

Der wohl bedeutendste Humanist jener Zeit war wohl Giovanni Pico della Mirandola. An seinen Ideen bemerkt man den Ganzheitsgedanken der Renaissance: Pico versuchte scholastische und humanistische Tradition, Platonismus und Aristotelismus, Christentum und Judentum zu vereinen, kurz, alle philosophischen und religiösen Ideen der Vergangenheit und Gegenwart. Von ihm stammt auch die „Rede über die Würde des Menschen“: der Mensch hat einen freien Willen, ist Abbild Gottes, und kann sich frei entscheiden, ob er durch Vernunft dem höheren zustrebt, oder zum Tier entarten möchte. In seinen Gedanken kommt zusätzlich sein Wissen über die jüdische Kabbala zum Ausdruck, und ist damit der erste Christ, der sich intensiv mit dieser befasste. Pico war ein wandelndes Monument an Wissen, was andere Religionen und Philosophien anging, zugleich sprachbegabt und –gewandt. Er beherrschte neben Latein und Altgriechisch auch Hebräisch, Arabisch und Chaldäisch.

Als Künstler mag Michelangelo Buonarotti alle anderen übertreffen. Er wurde eben in jener Blütezeit unter Lorenzos Herrschaft geboren, und brachte seine größten Werke in der Hochrenaissance zustande: die Pietà, den David, die Ausmalung der Sixtinischen Kapelle. Unverzichtbar außerdem sein Beitrag beim Baufortschritt der neuen Peterskirche, dessen Kuppel nach seinen Plänen realisiert wurde. Was viele nicht wissen: Michelangelo verfasste auch Gedichte und Verse. Er hat damit vielleicht die Bedeutung eines Universalgenies wie Leonardo da Vinci, aber er deckte durch Bildhauerei, Malerei, Architektur und Literatur alle relevanten Felder ab. In der Kunst ist und bleibt er daher der Gigant.

Für die Staatsphilosophie sollte Niccolò Machiavelli mit seinen Discorsi und Principe die damalige Welt revolutionieren. Die Staatsräson wurde als höchstes Prinzip erhoben. Einem Herrscher wurde zugebilligt, unabhängig von jedweder Moral zu handeln, wenn es für das Gesamtwesen dienlich sei. Der Spruch, dass es besser sei, dass ein Volk den Herrscher fürchte als ihn liebe, wurde schnell in der Gedankenwelt populär. Machiavellismus wurde ein Schlagwort. In den Discorsi hingegen baute Machiavelli Theorien zu einem idealen Staatsgebilde auf, welches keine Tyrannei, sondern eine Republik sein müsse, welche in ihrer Konstitution dem römischen Staat nahe kommen müsse.
Machiavelli war selbst nicht nur Philosoph. Er war Diplomat und Amtsträger der Republik Florenz, reiste zu allen Höfen Italiens, tauschte sich mit damaligen Größen wie Leonardo da Vinci aus, und widmete sich selbst Kunst und Kultur zu. So schrieb er eine große Anzahl an Komödien, die sich durch beißende Satire und Zynismus auszeichnen, fertigte Neuübersetzungen alter Klassiker an, und tat sich als Geschichtsschreiber hervor.

Die Malerei der Renaissance kennt so viele Namen und Gesichter, dass diese allein die berühmtesten Bibliotheken füllen. Zuerst war sie geprägt von mittelitalienischen Künstlern, wie Leonardo, Michelangelo, Raffael. Im späteren Verlauf dominierte hingegen besonders die Venezianische Schule, deren Speerspitzen die Bellini, Giorgione, Tizian, Tintoretto und Veronese waren. Ihre einzigartigen Farbenspiele, insbesondere dunkler Farben, das Spiel von Licht und Schatten brachten Gemälde hervor, die bis heute als unerreicht gelten.

Bedeutende Schriftsteller waren Ludovico Ariosto, Baldassare Castiglione und Pietro Aretino. Ersterer sollte mit seinem Orlando Furioso (Der rasende Roland) eines der größten Epen schrieben, dessen Einfluss noch bei Shakespeare und Goethe wirkte. Der Zweite tat sich mit dem Libro del Cortegiano (Buch vom Hofmann) vor, in dem der Idealtypus des Renaissancemenschen beschrieben wird. Das Werk ist in Dialogform verfasst und ähnelt den antiken Symposien, wobei auch hier bedeutende Persönlichkeiten des Rinascimento auftauchen und sich unterhalten. Aretino hingegen war für seinen beißenden Spott, Parodien und Komödien verantwortlich – so verfasste er eine Periflage des Cortegiano, die er „La Cortegiana“ nannte.

In genau diese Epoche fallen auch die großen Entdeckungsreisen. 1487/88 umrundet Bartolomeo Diaz die Südspitze Afrikas, 1492 entdeckt Kolumbus Amerika, 1497 betritt Giovanni Caboto als erster Nordamerika, 1498 erreicht Vasco da Gama Indien, 1521 erobert Cortez das Aztekenreich, 1522 erreicht die Victoria als einziges verbliebenes Schiff der magellanischen Flotte den Heimathafen, hat damit die erste Weltumseglung abgeschlossen. All diese Ereignisse führen sich zu einem großen Teil auf die Vorarbeit der gebildeten Elite Italiens zurück, welche auch auf kartographischem Feld Fortschritte gemacht hatte. Als einer von diesen galt Amerigo Vespucci, nach dem die Neue Welt benannt wurde – im Gegensatz zu den Berichten vieler anderer galten seine Arbeiten als wissenschaftlich, 1504 erschien sein Werk Mundus Novus, in welchem er nach seiner Rückkehr aus dem Westen belegte, dass es dort einen Neuen Kontinent geben müsse.

Das beginnende Zeitalter der Kolonisation und neuer Warenwege war daher auch ein neues Aufblühen von Handel und Wirtschaft. Die Bank der Medici wurde bereits erwähnt, aber die außerordentlichste Figur dürfte in diesem Zusammenhang der Augsburger Großkaufmann Jakob Fugger sein. Sein Netz umspannte nicht nur Europa, er hatte seine Hände auch im Indiengeschäft, vergab Kredite an Papst und Kaiser und hatte so Entscheidungen auf die großen Männer seiner Zeit. Bis heute gilt er als einer der reichsten Menschen aller Zeiten.

Aber nichts kann das Rinascimento besser in Worte fassen, als die Biographie eines Mannes, der diese Zeit wie kein anderer prägte. Der Übervater aller Universalgenies, ja, die fleischgewordene Inkarnation der Renaissance an sich ist zweifellos Leonardo da Vinci. Es gab kein Feld, das er nicht auf irgendeine Art und Weise behandelte. Er widmete sich der Kunst, der Naturwissenschaft, der Militärtechnik, der Mechanik, der Architektur und der Medizin. Seine Interessen waren weit gefächert, und zahlreiche Skizzen und Zeichnungen zeigen nicht nur verblüffende Vorzeichnungen für Werke, sondern auch Studien zur menschlichen Gestik, Erfindungen, Kriegsgerät, anatomische Skizzen (wo Leichensezierung ein Sakrileg darstellte!) sowie Merksätze. Leonardo begriff sich nicht zuletzt auch als Philosoph, aber in dem Sinn, den das Wort ursprünglich hatte: als Freund der Weisheit. Schaffensdrang und Wissensdrang hielten sich bei ihm die Waage, ohne dass eine Tätigkeit davon beeinträchtigt wurde. Er ist das Ideal des Renaissancemenschen, und es ist bezeichnend, dass seine Lebenszeit grob die Blüte dieser Epoche selbst umfasst.



Zuletzt eine Liste ausgewählter Persönlichkeiten des Rinascimento:


Humanisten und Schriftsteller

Francesco Petrarca (1304–1374)
Giovanni Boccaccio (1313–1375)
Enea Silvio de’ Piccolomini (Papst Pius II.) (1405-1464)
Marsilio Ficino (1433-1499)
Rudolf Agricola (1443–1485)
Giovanni Pico (Conte) della Mirandola (1463-1494)
Erasmus von Rotterdam (1466–1536)
Niccolò Machiavelli (1469–1527)
Pietro Bembo (1470–1547)
Ludovico Ariosto (1474–1533)
Baldassare Castiglione (1478–1529)
Thomas Morus (1478–1535)
Pietro Aretino (1492–1556)
Torquato Tasso (1544–1595)


Künstler

Donatello (1386–1466)
Masaccio (1401–1428)
Andrea Mantegna (1431–1506)
Sandro Botticelli (1444/1445–1510)
Pietro Perugino (ca. 1448–1523)
Leonardo da Vinci (1452–1519)
Albrecht Dürer (1471-1528)
Michelangelo Buonarroti (1475–1564)
Tiziano Vecellio (14?–1576)
Giorgione (ca. 1477–1510)
Raffael (1483–1520)
Hans Holbein der Jüngere (ca. 1497–1543)
Benvenuto Cellini (1500–1571)
Parmigianino (1503–1540)
Lucas Cranach der Jüngere (1515–1586)
Jacopo Tintoretto (1518–1594)
Paolo Veronese (1528-1588)


Architekten

Filippo Brunelleschi (1377–1446)
Donato Bramante (ca. 1444–1514)
Michele Sanmicheli (1484-1559)
Antonio da Sangallo (1485–1546)
Jacopo Sansovino (1486–1570)
Andrea di Pietro della Gondola, gen. Palladio (1508-1580)


Komponisten

Francisco de la Torre (um 1460-1504)
Pedro de Escobar (um 1465–1535)
Juan del Encina (1468–1529)
Diego Ortiz (um 1510 –1570)
Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525–1594)
Orlando di Lasso (1532-1594)


Entdecker

Heinrich der Seefahrer (1394-1460)
Niccolò di Conti (1395-1469)
Bartolomeu Diaz (um 1450-1500)
Giovanni Caboto (John Cabot) (1450-1499)
Christoph Kolumbus (1451/2-1506)
Amerigo Vespucci (1454-1512)
Vasco da Gama (1468/9-1524)
Juan Ponce de León (1474-1521)
Vasco Núñez de Balboa (1475-1519)
Sebastiano Caboto (1476-1557)
Francisco Pizarro (1476-1541)
Ferdinand Magellan (um 1480-1522)
Giovanni da Verazzano (1485-1528)
Hernán Cortéz (1485-1547)
Jacques Cartier (1491-1557)
Francis Xavier (1506-1552)


Renaissancefürsten

Cosimo de Medici, Stadtherr von Florenz (1389-1464)
Nikolaus V., Papst (1397-1455)
Alexander VI., Papst (1431-1503)
Karl der Kühne, Herzog von Burgund (1433-1477)
Julius II., Papst (1443-1513)
Lorenzo de Medici, Stadtherr von Florenz (1449-1492)
Isabella d’Este, Markgräfin von Mantua (1474-1539)
Cesare Borgia, Feldherr (1475-1507)
Leo X., Papst (1475-1521)
Heinrich VIII., König von England (1491–1547)
Franz I., König von Frankreich (1494-1547)
Karl V., Kaiser (1500-1556)
Cosimo I., Großherzog der Toskana (1519-1574)

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 Betreff des Beitrags: Der Anfang vom Ende: Die Reformation
BeitragVerfasst: Mi 30. Dez 2009, 01:14 
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Herr der Hermeline
Der Anfang vom Ende: Die Reformation


Zitat:
[…]Dagegen hebt sich nun die deutsche Reformation ab als ein energischer Protest zurückgebliebener Geister, welche die Weltanschauung des Mittelalters noch keineswegs satt hatten und die Zeichen seiner Auflösung, die außerordentliche Verflachung und Veräußerlichung des religiösen Lebens, anstatt mit Frohlocken, wie sich gebührt, mit tiefem Unmute empfanden.[…]

Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches (237)


Zitat:
[…]Die Deutschen haben Europa um die letzte große Kultur-Ernte gebracht, die es für Europa heimzubringen gab – um die der Renaissance. Versteht man endlich, will man verstehn, was die Renaissance war? Die Umwertung der christlichen Werte, der Versuch, mit allen Mitteln, mit allen Instinkten, mit allem Genie unternommen, die Gegen-Werte, die vornehmen Werte zum Sieg zu bringen... Es gab bisher nur diesen großen Krieg, es gab bisher keine entscheidendere Fragestellung als die der Renaissance – meine Frage ist ihre Frage –: es gab auch nie eine grundsätzlichere, eine geradere, eine strenger in ganzer Front und auf das Zentrum losgeführte Form des Angriffs! An der entscheidenden Stelle, im Sitz des Christentums selbst angreifen, hier die vornehmen Werte auf den Thron bringen, will sagen in die Instinkte, in die untersten Bedürfnisse und Begierden der daselbst Sitzenden hineinbringen... […]Was geschah? Ein deutscher Mönch, Luther, kam nach Rom. Dieser Mönch, mit allen rachsüchtigen Instinkten eines verunglückten Priesters im Leibe, empörte sich in Rom gegen die Renaissance... Statt mit tiefster Dankbarkeit das Ungeheure zu verstehn, das geschehen war, die Überwindung des Christentums an seinem Sitz –, verstand sein Haß aus diesem Schauspiel nur seine Nahrung zu ziehn. Ein religiöser Mensch denkt nur an sich. – Luther sah die Verderbnis des Papsttums, während gerade das Gegenteil mit Händen zu greifen war: die alte Verderbnis, das peccatum originale, das Christentum saß nicht mehr auf dem Stuhl des Papstes! Sondern das Leben! Sondern der Triumph des Lebens! Sondern das große Ja zu allen hohen, schönen, verwegenen Dingen!... Und Luther stellte die Kirche wieder her: er griff sie an... Die Renaissance – ein Ereignis ohne Sinn, ein großes Umsonst! – Ah diese Deutschen, was sie uns schon gekostet haben! Umsonst – das war immer das Werk der Deutschen. – Die Reformation; Leibniz; Kant und die sogenannte deutsche Philosophie; die »Freiheits«-Kriege; das Reich – jedesmal ein Umsonst für etwas, das bereits da war, für etwas Unwiederbringliches...[…] sie haben auch die unsauberste Art Christentum, die es gibt, die unheilbarste, die unwiderlegbarste, den Protestantismus auf dem Gewissen...

Nietzsche, Der Antichrist (61)


Zitat:
[…]der Kaiser schützte ihn, um seine Neuerung gegen den Papst als Werkzeug des Druckes zu verwenden, und ebenfalls begünstigte ihn im Stillen der Papst, um die protestantischen Reichsfürsten als Gegengewicht gegen den Kaiser zu benutzen. Ohne dies seltsame Zusammenspiel der Absichten wäre Luther verbrannt worden wie Huss — und die Morgenröte der Aufklärung vielleicht etwas früher und mit schönerem Glanze, als wir jetzt ahnen können, aufgegangen.[…]

Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches (237)



Man muss nicht die radikalen Gedanken Friedrich Nietzsches (der aus einer lutheranischen Pastorenfamilie stammte) heranziehen, um den Untergang der Renaissancekultur zu erklären. Sie verdeutlichen allerdings plakativ, dass die Reformation eben keine Befreiung einer vom Papst geknechteten Kirche war, sondern im Gegenteil ein Rückschritt in die mittelalterliche Denktradition, in gewisser Weise ein Rückschritt in allen Erfahrungen und Lehren der Renaissance.

Während ein Humanist wie Erasmus von Rotterdam betonte, dass die Vernunft gottgegeben, gleichsam ein göttlicher Kern sei, und daher denselben Stellenwert wie der Glaube habe, verwarfen die Reformatoren dieses Bild, und stellten einzig den Glauben in die Mitte. Ausdruck der neuen Intoleranz waren die vermehrt stattfindende Bücherverbrennungen: hatten vorher Papst und Protestanten die jeweilige Bulle oder theologische Schrift verbrannt, warfen die Reformierten nun auch papstunabhängige, scholastische Schriften ins Feuer, welche mit dem eigentlichen Glaubensstreit nichts zu tun hatten. Dies kann als Symbol des puren, aufkommenden Fanatismus angesehen werden, der die Engstirnigkeit beider Seiten verdeutlichte.

Auch die neuerlich aufkommende Intoleranz gegenüber Juden, deren Kabbala sich noch ein Humanist wie Pico della Mirandola angeeignet hatte, oder der aufkommende Aberglaube an Hexen, der von der römischen Kirche vorher verworfen wurde, waren Zeichen für eine Zeit, die nicht mehr die menschliche Vernunft und das antike Idealbild verkörperten. Die Schwächung der zentralen römisch-päpstlichen und der kaiserlichen Macht waren verheerend für Mitteleuropa. Es ist bezeichnend, dass in den katholischen Ländern Italien, Portugal und Spanien keine einzige Hexenverfolgung stattfand, insbesondere im Norden und in der Mitte Europas die Hexenverfolgung und –verbrennung in den protestantischen Gebieten blühte, weil es dort keine Gewalt gab, die einschritt. Stattdessen hingen Luther und Calvin dem Hexenglauben an.

Auch über eines der Grundelemente des Renaissancegedankens gab es drastische Unterschiede. Reformatoren wie Luther verglichen den menschlichen Willen mit einem Pferd, vom Teufel oder Gott geritten, und das vom Schicksal vorbestimmt – für Humanisten wie Erasmus stand hingegen fest, dass der menschliche Wille frei war. Gott selbst gäbe dadurch die Möglichkeit, sich dem Bösen oder Guten zuzuwenden. Insgesamt wurde dieses Willensbild von Reformation und anschließend auch der Gegenreformation immer stärker bekämpft, bis wieder der Schicksalsgedanke Überhand gewann.

Die Auseinandersetzungen selbst wurden gewalttätig, grob und derb. Humanisten neigten noch zum ironischen Kontra, so veröffentlichte Erasmus auf Luthers provozierende Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ mit feinem Hintersinn „De libero arbitrio“ (Vom freien Willen). Luthers Ausspruch „Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig“ ist wegweisend für die damalige Diskussionskultur, die in flache Polemik ausgeartet war.

Mit dem Konzil von Trient (1545-1563) legte auch das Papsttum die Zügel wieder straffer an, die römische Kirche wurde zentralisierter, effektiver und der freie Geist zurückgedrängt. Bücher, die jahrelang geduldet wurden, setzte man auf den Index und galten nun als verwerflich. Das Papsttum blieb zwar Mäzen großer Kunst und Kultur, unterstützte aber nur noch jene, die als manierlich galt. Auch hier mag ein Beispiel Bände sprechen: Michelangelo hatte die Sixtinische Kapelle mit einem gewaltigen Fresko des Jüngsten Gerichts ausgestellt. Im Geiste der Renaissance war dieses prächtig ausgestaltet – und natürlich mit nackten Menschen. Nach Michelangelos Tod hatte Daniele da Volterra die Ehre, die Genitalien aller Figuren zu verdecken, weshalb man ihn auch den „Hosenmacher“ nannte.

Dies alles deutete auf den nahen Barock hin, den man zwar immer mit dem 17. Jahrhundert und dem 30jährigen Krieg in Zusammenhang bringt – in Wirklichkeit aber schon Mitte des 16. Jahrhunderts geistig vorbereitet wurde. Mit ihm starb das Ideal der Renaissance, welches erst mit Aufklärung und Neuhumanismus des späten 18. Jahrhunderts wieder belebt werden sollte.

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"Eine Republik zählt mehr große Männer als eine Monarchie; in jener wird die Tapferkeit fast immer geehrt, in dieser fürchtet man sie sehr."

Niccolò Machiavelli


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